Ach nee, Brexit – Fisch und so

Margate ist ein Küstenstädtchen im Südosten Englands. Margate hat etwa 60.000 Einwohner, gefühlt 500 Spielhöllen, einen breiten Sandstrand, ein sehr feines Kunstmuseum, einen riesigen Freizeitpark und einen ganz kleinen – und vieles mehr, das ein Städtchen, das vom Tourismus lebt und jahrzehntelang gelebt hat, zu brauchen meint. Außerdem beherbergt Margate an jedem ersten Wochenende im August das wohl beste Soulmusik-Festival auf dem Kontinent. Feiner wird’s nicht.

Margate hat, wenn man so will, einen morbiden Charme, erinnert in einigen Teilen an Kleinstädte in Mecklenburg-Vorpommern zu Anfang der 90er Jahre. Wer noch nicht in Margate oder Mecklenburg war, da ist jetzt nicht unbedingt alles heile oder frisch gestrichen. Man muss schon ein bisserl länger gucken, um die schönen Eckchen zu finden.

Entlang des Marktplatzes gibt es mehrere Restaurants, deren Speisekarten wohlfeile Mahlzeiten aller Art anpreisen. Unabhängig davon, was man bestellt hat, serviert einem eine missgelaunte Schülerin anschließend ein Stück labbriges und sehniges Fleisch, das in einer nicht zu definierenden lauwarmen Flüssigkeit schwimmt, die Spuren von Fertig-Bratensoße enthalten könnte. Neben dem Fleisch, das seinen Ursprung in einem Lamm, Schwein, Rind, Feldhase oder einer Kreuzung derselben haben könnte, liegen in der Regel zweieinhalb halbrohe Kartoffeln und ein verkochtes Broccoli-Röschen. Erstreisende merken sich an dieser Stelle bitte: Es lohnt sich nicht, sich über das Essen in England aufzuregen; es lohnt sich nicht, sich über das Essen in England aufzuregen; es lohnt sich nicht, sich über das Essen in England aufzuregen.

Einschub: Wer mal nach Margate kommt und hungrig ist, der sollte flugs in die nächst zum Marktplatz gelegene Seitenstraße hüpfen und bei meinen Freunden Heather und Eli im Olby’s essen. Da gibt es außer hervorragender Kost wie dem wohl besten Sunday Roast des Landes auch ausgesprochen gute Musik. Guckst Du: Olby’s Soul Cafe

Zurück zum Marktplatz: Vor allem an Freitagabenden und Samstagmittags gibt es vor einem Geschäft eine mehrere hundert Meter lange Menschenschlange. Die Menschen stehen vor einem Fish ’n‘ Chips Imbiss. Dort gibt es in Rindernierenfett und/oder Öl frittierte Fisch- und Kartoffelstücke, die anschließend mit Salz und Essig beträufelt, wahlweise ertränkt werden. In nördlicheren Teilen des Landes kippen sich Menschen auch die beliebte brown sauce* über den Fisch und die Kartoffeln. Für den Fisch in Fish ’n‘ Chips eignen sich einige Weißfischarten. Besonders beliebt sind Cod (Kabeljau), Haddock (Schellfisch) und Pollock (Seelachs). Und mit Kabeljau, Schellfisch und Seelachs wären wir dann ganz geschwind bei einem Beispiel, das den Irrsinn dieser Zeit ganz gut beschreibt.

*Die beliebteste brown sauce in England ist die HP Sauce. Die HP Sauce gibt es seit etwa 1870, sie wurde in England erfunden und bis zum Jahr 2006 in Birmingham hergestellt. Dann kaufte die amerikanische H.J. Heinz-Company aus den USA das Unternehmen, das wiederum im Jahr 2015 mit der Kraft Foods Group fusionierte. Die HP Sauce wird in den Niederlanden produziert und von unseren englischen Freunden importiert. Die Produktionsstätten in Birmingham sind abgerissen.

Seit etwa vier Jahren beschäftigen sich Europäer und Briten mit dem Brexit. Brexit ist ein Kunstwort aus Britain und Exit. Beim Brexit ging es im Jahr 2016 um die Frage, ob die Briten weiterhin Mitglied der Europäischen Union bleiben wollen, oder nicht? Der Rest ist hinlänglich bekannt. Eine Mehrheit der Menschen, die zur Wahl gegangen sind, hat in einer Volksabstimmung für den Brexit gestimmt. Seitdem streiten sich a) die Briten untereinander und b) die Briten mit der EU darüber, wie das denn künftig mal laufen soll zwischen Großbritannien und den 27 verbliebenen europäischen Staaten, die über die EU ihre Handelsbeziehungen, ihre Grenzfragen, aber auch Fragen wie Terrorismusbekämpfung, Lebensmittelsicherheit, Reisen und vieles mehr regeln. Brauchen wir nicht, wollen wir nicht, können wir alles selbst und besser und billiger, sagen die, die für den Brexit gestimmt haben und die, die ihn im Parlament durchgesetzt haben. Das ist doch bullshit, sagen die, die lieber in der EU geblieben wären. Die spinnen, die Briten, sagen die meisten auf dem Festland – und wundern sich.

Zu den Befürwortern des Brexit gehört Boris Johnson, derzeit Premierminister des Landes. Johnson lässt sich wohlwollend als jemand beschreiben, der eine recht eigene Sicht auf die Welt hat und wie wenige andere die Kunst beherrscht, das, was er vor fünf Minuten gesagt hat, vergessen zu können. Immer noch wohlwollend gesagt, beherrscht Johnson auch die Kunst, Wahrheit und Fakten zu interpretieren. Die, die ihm nicht ganz so wohlwollend gesonnen sind, erinnern manchmal daran, dass das höchste Gericht im Vereinigten Königreich, der Supreme Court, Johnson im September 2019 bescheinigt hat, ungesetzlich gehandelt und die Königin belogen zu haben. Ein in der englischen Geschichte einmaliger Vorgang. Johnson hatte das Parlament in eine fünfwöchige Zwangspause geschickt, das damit nicht weiter über den Brexit diskutieren konnte. Andere erinnern sich auch an die Zeit, als Johnson als Journalist gearbeitet hat. Unter anderem war er Brüssel-Korrespondent des „Daily Telegraph“ und fiel dabei vor allem dadurch auf, dass er Artikel über unsinnige EU-Regulierungen erfand. Medieninteressierte merken sich an dieser Stelle: Es lohnt sich nicht, sich über englische Zeitungen aufzuregen; es lohnt sich nicht, sich über englische Zeitungen aufzuregen; es lohnt sich nicht, sich über englische Zeitungen aufzuregen.

Aber: So ist das nun mal. Seit dem 31. Januar 2020 ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der Europäischen Union; eine Übergangsfrist läuft am 31. Dezember 2020 aus. Großbritannien und die EU sprechen oder verhandeln über neue Verträge, es gibt aber derzeit keine. Was am 1. Januar 2021 passieren wird, weiß so recht keiner. Und damit zurück nach Margate, zu Fish ’n‘ Chips, zu Kabeljau, Schellfisch und Seelachs. Die spielen bei den Verhandlungen eine große Rolle.

Fischerei-Politik ist ein schwieriges Ding. Die Küstenländer wie England, Schottland, Holland, Deutschland, Dänemark und Norwegen kommen nicht umhin, darüber zu sprechen, wer wann welchen Fisch und wo und vor allem wie viel fangen darf und soll. Da tun sie seit Anfang der 60er Jahre, innerhalb der EU und ihren Vorgänger-Organisationen jährlich neu. Immer gab es Ärger und Enttäuschungen, immer gab es aber auch Regelungen, Fangquoten und gemeinsame Standards. Ob die immer eingehalten werden, steht auf einem anderen Blatt Papier – das nebenbei. Die Menschen holen nach wie vor mehr Fisch mancher Arten aus dem Wasser als nachwächst. Über die Fischerei-Politik der EU ließen sich an anderer Stelle mehrere achtwöchige Seminare halten.

Der Fisch selbst hat es nicht so mit den Ländergrenzen und 200-Meilen-Zonen, sondern schwimmt dorthin, wo es was zu fressen gibt und wo er sich, im übertragenen Sinne, wohl fühlt. Dazu gehört für den Fisch, dass das Wasser angenehm temperiert sein muss; der Kabeljau zum Beispiel residiert gerne im Kühlen. Weil sich die Meere in den vergangenen Jahrzehnten fühlbar und messbar erwärmt haben, macht der Kabeljau sozusagen gerade den Schuh und haut aus der Nordsee bei England ab – Richtung Norwegen und Arktis. Die Vermutung liegt außerdem recht nahe, dass es dem Fisch ziemlich egal ist, wer ihn wo aus dem Meer fischt; ich nehme mal an, er würde lieber weiter schwimmen als in Rindernierenfett frittiert zu werden.

Die Fischereiwirtschaft ist nach wie vor ein wesentlicher, wenn nicht der wesentliche Streitpunkt zwischen Großbritannien und der Europäischen Union bei den Brexit-Verhandlungen. Von Bedeutung ist die Fischereiwirtschaft gesamtwirtschaftlich gesehen allerdings seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr, jedenfalls nicht für die Europäische Union und schon gar nicht und erst recht nicht und überhaupt nicht für Großbritannien. In der Liste der fischfangenden Nationen lag Great Britain gemessen an den Fangmengen im Jahr 2016 weltweit auf Platz 27 – zwischen Kambodscha und Nigeria und auf Augenhöhe mit etwa Dänemark, den Faroer-Inseln, Ecuador und Mauretanien.

Der Anteil der Fischereiwirtschaft an der Britischen Wirtschaftsleistung beträgt 0,04 Prozent. Der Umsatz lag im Jahr 2017 bei 700 Millionen Pfund (Millionen, nicht Milliarden). Das ist etwa die Hälfte des Umsatzes des Londoner Kaufhauses Harrods und entspricht ziemlich genau der Summe, die der spanische Fußballverein Real Madrid derweil jährlich umsetzt, ein letzter Vergleich: 700 Millionen Pfund entsprechen auch der Summe, die die Waffenhändler Großbritanniens jährlich machen.

Premierminister Johnson sagt zum Fisch: „Wir werden unter Beachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse neue Fangquoten mit der EU aushandeln und dafür sorgen, dass die britischen Fanggründe zuerst und vor allem für britische Schiffe reserviert werden. Wir wollen den Geist einer Seefahrernation wiederbeleben, der uns nicht nur reich gemacht hat, sondern vor allem eine globale Perspektive gegeben hat.“ Was Johnson nicht sagt: Etwa 75 Prozent der Fische, die von UK-Fischern gefangen werden, werden derzeit exportiert – hauptsächlich in die Europäische Union. Im Gegenzug muss Großbritannien viel Fisch importieren – hauptsächlich aus der EU; denn die britischen Fischer holen nur wenig Kabeljau, Schellfisch und Seelachs aus dem Wasser, sondern vor allem Heringe und Muscheln, die wiederum auf dem Festland begehrt sind. Was Johnson auch nicht sagt: Allein, wenn er Großbritannien auf den Stand einer so bedeutenden Seefahrer-Nation wie Peru heben wollte, müsste er die britische Fischerei-Flotte verfünffachen. Das könnte schwierig werden, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das letzte größere Schiff in England im Jahr 2015 fertiggestellt wurde. Auf den wenigen verbliebenen Werften im Land werden in der Mehrzahl Yachten hergestellt – und Kanus.

Was Johnson antreibt: Wenn sich Großbritannien und die EU nicht auf einen neuen Handelsvertrag einigen können und die bis Ende Dezember bestehenden Regeln nicht mehr gelten, dann ist er vermutlich auf die Fischerei-Flotte angewiesen, damit die englische Bevölkerung mit günstigen Nahrungsmitteln versorgt werden kann. Die Mehrzahl der britischen Frühstücks- und Mittagstische dürfte ab Januar weit weniger reichhaltig gedeckt sein als bisher. England liegt bekanntlich nicht auf einem Breitengrad, in dem in allen Ecken Orangen- und Zitronenbäume sprießen und ist auf Importe angewiesen. Auf die könnten ohne vernünftigen Handelsvertrag Zölle fällig werden.

Erschwerend hinzu kommt eine rigide Einwanderungspolitik. Priti Patel, Innenministerin in Johnsons Kabinett, hat die neuen Regeln im Mai 2020 vorgestellt. Ab 2021 sollen sie gelten. Danach werden potenzielle Arbeitnehmer aus dem Ausland jährlich nach einem Punktesystem bewertet und müssen beispielsweise mehr als 30.000 Euro pro Jahr verdienen. Das ist nahezu unmöglich für all die Obst- und Gemüsepflücker, die jährlich die britischen Erdbeeren ernten und die Kartoffeln aus dem Boden holen. Bereits im Jahr 2019, als das schwächelnde Pfund die Arbeit für die Erntehelfer aus Polen, Bulgarien und Rumänien unattraktiv machte, verrottete Gemüse auf den Feldern englischer Farmer. „Wir beenden die Freizügigkeit, holen uns die Kontrolle über unsere Grenzen zurück und kümmern uns um die Prioritäten der Menschen“, sagt Patel. Was sie nicht sagt, wer jetzt die Erdbeeren pflücken oder anstelle von polnischen Krankenschwestern die Menschen in britischen Krankenhäusern pflegen soll. Ein erster Versuch im März 2020 scheiterte grandios, als wegen der Corona-Krise arbeitslose Briten für die Osteuropäer einspringen sollten und keine Lust hatten, sich für fünf Pfund in der Stunde als Knecht zu verdingen. Die Folge: Die Regierung musste den Farmern unter die Arme helfen, damit diese Sonderflüge aus Rumänien nach England buchen konnten. Was Patel auch nicht sagt: Wer die Seeleute aus Osteuropa ersetzen soll, die auf britischen Schiffe Fische fangen und die Arbeiter aus Osteuropa, die auf den Werften arbeiten.

Michael Gove, im Kabinett von Boris Johnson hauptberuflich angestellt mit dem Zuständigkeitsbereich „No-Deal-Planungen“, sagt: „Wir werden ein unabhängiger Küstenstaat sein“. Wir werden die Gewässer innerhalb der 200-Meilen-Zone kontrollieren.“ Bis 2025 werde Großbritannien die beste und sicherste Grenze der Welt haben. Was Gove, der in Großbritannien schon Bildungs-, Justiz-, Umwelt- und Ernährungsminister war, nicht sagt: Die englische Küstenwache ist ungefähr so gut ausgestattet wie die Bundeswehr, verfügt derzeit über fünf alte Schiffe und einen Hubschrauber. Was Gove auch nicht sagt: Ohne Vertrag fliegt Großbritannien am 1. Januar 2021 aus allen EU-Sicherheitsprogrammen und allen gemeinsamen EU-Datenbanken von Polizei, Grenzschützern, Geheimdiensten und Einwanderungsbehörden.

Es kann ja alles noch werden. Aber möglicherweise werden die Schlangen vor dem Fish ’n‘ Chips Geschäft am Marktplatz in Margate im nächsten Jahr kürzer, weil das Angebot kleiner ist, weil keiner Lust hat, frittierten Hering zu essen, weil der Kabeljau und die brown sauce importiert werden müssen und damit teurer werden oder die Chips gerade aus sind, weil keiner daran gedacht hat, dass dafür Kartoffeln geerntet werden müssen. Immerhin steigen die Chancen, dass im daneben gelegenen Restaurant keine halbrohen Kartoffeln und verkochter Broccoli mehr serviert werden. Als Beilage zum Labberfleisch empfiehlt der Chefkoch dann vermutlich: Weißbrot und amerikanisches Chlorhühnchen.

Autor: Markus Kater

Rentner, Jahrgang 1962, ehemaliger Zeitungs-Journalist, Soul-, Jazz und House-DJ, Schaumburger.

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