Wie viel ist viel?

In der siebten und achten Klasse habe ich (noch) keine Unterrichtsstunden schwänzen können und musste deshalb auf dem Ratsgymnasium auch am Mathematik-Unterricht teilnehmen. Das hat mich damals ungefähr so dolle interessiert wie heute – sagen wir mal – Countrymusik. Dennoch ist etwas von der Prozentrechnerei hängen geblieben, mit denen mich alte Männer in karierten und kreidebeschmierten Sakkos genervt haben. Ich versuche es mal. Wenn sich in Berlin an einem Sonnabendnachmittag etwa 40.000 Menschen versammeln, und Deutschland hat 83,5 Millionen Einwohner, dann entspricht das einem Prozentsatz von aufgerundet 0,05 Prozent (nullkommanullfünf).

0,05 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, versammeln sich in Corona-freien Zeiten an Sonnabendnachmittagen beispielsweise auch beim Fußballspiel Arminia Bielefeld gegen Mainz 05. Wenn ich diesen Prozentsatz auf eine Kleinstadt wie Stadthagen im Schaumburg-Lippischen mit seinen 20.000 Einwohnern übertrage, dann entspräche das in etwa zehn Menschen, die sich an einem Sonnabendmittag auf dem Marktplatz versammeln. Drei von ihnen schwenken eine Reichskriegsflagge; drei haben schon mal von Bill Gates gehört, drei freuen sich darauf, andere Hobbyversammler zu treffen, und einer ist der aus den USA angereiste Cousin eines Ratsherrn, dessen Vater einen kannte, der 1963 eine Rede von John F. Kennedy im Fernsehen gesehen hat.

Die Vermutung liegt sehr nahe, dass die Versammlung auf dem Marktplatz noch nicht einmal einer Lokalzeitung im journalistischen Sommerloch eine Zeile wert wäre. Vermutlich würde die Lokalzeitung aber berichten, wenn die Polizei diese Versammlung auflöst, weil die Teilnehmer sich nicht an Auflagen halten und Ordnungswidrigkeiten begehen. Eine gute Lokalzeitung würde sich im Anschluss auch der Frage widmen, wie denn wohl der Cousin aus Amerika überhaupt nach Deutschland beziehungsweise nach Europa hat einreisen können, und ob der deutsche Außenminister seinen Amtskollegen in Großbritannien mal mit der Frage behelligt, ob die Border-Control am Flughafen Heathrow noch alle Teetassen im Schrank hat.

Autor: Markus Kater

Rentner, Jahrgang 1962, ehemaliger Zeitungs-Journalist, Soul-, Jazz und House-DJ, Schaumburger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.