Geschnacke in der Lieblings-Serie

Montag, 14. September 2020: Gucke gerade mal wieder meine Lieblingsserie – House of Commons. Läuft auf parliamentlive.tv. Da gibt es seit einigen Monaten neue Mitspieler, aber der plot ist immer noch der, der er seit vier Jahren ist. Ein paar Leute treffen sich in einem großen Saal in London – in der Mehrzahl Männer zwischen 55 und 80 – und versuchen rauszufinden, ob sie an irgendwas keine Schuld haben, oder ob sie irgendjemandem die Schuld an irgendwas geben können. Sehr beliebt dabei sind „Brüssel“ und die „EU“, Emmanuel Macron und Angela Merkel, oder wahlweise auch alles, was not made in Great Britain ist.

Der dicke Blonde mit der wirren Frisur ist noch da, sitzt jetzt aber auf einem anderen Platz und macht immer noch einen auf lustig. Der Untersetzte mit dem Knoten in der Zunge erinnert immer noch alle zehn Minuten daran, dass es Schottland gibt – und wie seit Jahrhunderten sagen viele vieles über Dinge und Themen, von denen sie – so scheint es – nix verstehen.

Bei dem Geschnacke geht es viel um Geschichte, um eine vermeintlich ruhmreiche Vergangenheit, weniger um die Gegenwart geschweige denn die Zukunft. Heute sprechen sie mal wieder über eine Vereinbarung, die ihr Land vor zehn Monaten mit 27 europäischen Ländern geschlossen hat. Vor ein paar Tagen will einer herausgefunden haben, dass dieser Vertrag vielleicht doch nicht so gut ist für das Land, das sie zu vertreten glauben. Deshalb solle man sich nicht mehr daran halten, ein neues Gesetz müsse her, „weil die anderen uns ja doch nur über den Tisch ziehen wollen“.

Für Menschen, die in demokratischen Ländern und nicht in Königreichen aufgewachsen sind, ist das mithin nicht immer so einfach zu verstehen. Denn ehrlich gesagt, reden erstens nicht wenige der Schnacker in dem großen Saal ziemlich viel Blödsinn in ziemlich kurzer Zeit. Und zweitens folgt das tagelange Geschnacke manifestierten Ritualen, die mit Diskussionskultur und Auseinandersetzung nicht wirklich was zu tun haben.

In der Regel geht das so: Einer trägt vor. Meistens macht jetzt der dicke Blonde den Anfang. In seinem etwa 15-minütigen Beitrag sind Wortfetzen wie „our wonderful country“, „the most wonderful country in the world“, „the leader of the free world“, „the birthplace of democracy“ und andere Schmonzetten zu erwarten. Das lässt sich so zusammenfassen: „Alle doof, außer ich“, und „EU“, Brüssel, Macron und Merkel doof, doofer, am doofsten. Wohlstand für die Insel, der Rest der Welt kann uns mal gepflegt am Arsch lecken, und sowieso, wir machen, was wir wollen, und was wir gestern gesagt haben, interessiert uns nicht.

Wenn dem dicken Blonden die Worthülsen ausgegangen sind, dann darf die Gegenseite sprechen. Die haben jetzt ein oder zwei, die rhetorisch so begabt sind, dass sie durchaus erfolgreich als Versicherungsvertreter ihr täglich Brot verdienen könnten. Wenn die Gegenseite spricht, dann sitzt der dicke Blonde mit verschränkten Armen und verschränkterem Gesicht auf seiner Holzbank und schüttelt mit dem Kopf. Nach der Gegenseite darf der mit dem Knoten in der Zunge ran. Der kommt aus Schottland und will eigentlich gar nicht mit den anderen alten Männern in dem Saal sitzen, sondern lieber in Edinburgh oder Glasgow bei einem Pint schalen Bieres. Es dauert etwa drei bis vier Minuten, bis der Knotenmann zum ersten Mal das Wort „schottisches Referendum“ sagt.

Anschließend darf dann wieder einer sprechen, der zur Gang des dicken Blonden gehört. Meistens schicken sie einen ans Mikro, der mit Churchill zur Schule gegangen ist und mit Prinzgemahl Philip bei der Navy war. Der erzählt dann ein bisschen davon, wie schön doch alles war, als alles noch anders war. Der dicke Blonde hat sich mittlerweile in die Lobby verzogen und genießt wahrscheinlich vier bis fünf Thunfisch-Sandwiches. Churchills Mitschüler ist mit seinem Vortrag mittlerweile bei den 50er Jahren angekommen und nähert sich dem Bösen – wir ahnen es: EU, Brüssel, Macron, Merkel, Nordirische Fischer, Königreich, Souveränität, Alle Doof, außer ich.

Dann darf die Gegenseite wieder ran. Regierung doof, wir nicht, alles wird gut, oder auch nicht, vielleicht bald oder bälder. Wir sind dagegen und verstehen nicht, wenn andere nicht dagegen sind. Neulich hat mal eine der wenigen Frauen gesprochen, die von den alten Männern in den Saal gelassen wurde. Die Frau stammt aus West Yorkshire, das ist so mittendrin in England. Sie sagt aber nix über die Arbeitslosenquote in der Stadt Leeds, oder dass es in ihrem Wahlkreis keine Corona-Tests mehr gibt, sondern spricht mit Verve und zitternder Stimme darüber, dass nordirische Fischer dort fischen können sollen, wo sie wollen. So berührt ist sie von ihrem Vortrag, dass ihr entweder gleich ein Tränchen über den Kajal tropft oder sie „God Save The Queen“ singen wird. Das mit den armen Fischern in Nordirland würde die Menschen, mit denen sie gesprochen hat, so dolle und ganz heftig bewegen, dass es fast gar nicht mehr auszuhalten ist. Ist ein bisserl so, als würde ein Wolfsburger Bundestagsabgeordnete sich Gedanken darum machen, wie viele Schollen in Bremerhaven per Handangel an einem Mittwochmorgen gefangen werden.

Fortsetzung folgt…

Autor: Markus Kater

Rentner, Jahrgang 1962, ehemaliger Zeitungs-Journalist, Soul-, Jazz und House-DJ, Schaumburger.