#1 Helpsen

Mein Urgroßvater Karl Busche hat 1908 in Helpsen ein Haus gebaut. Damals war Helpsen ein Dorf im Fürstentum Schaumburg-Lippe, Straßennamen gab es noch nicht. Weil das Haus das 32. war, das im Dorf Helpsen gebaut worden war, bekam es folgerichtig die Bezeichnung Helpsen 32. Das Haus war das dritte in einer Reihe, die anderen beiden (Helpsen 29, Helpsen 31) waren von zwei Brüdern meines Urgroßvaters gebaut worden. Mein Urgroßvater war Bergmann, und wie damals in Schaumburg-Lippe durchaus üblich, Selbstversorger. Auf dem rund 1500 Quadratmeter großen Grundstück wuchsen je nach Jahreszeit Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Mohr- und Runkelrüben, mit denen die beiden Schweine gefüttert wurden, die jedes Jahr im Stall herangezogen, dann geschlachtet und zu Wurst verarbeitet wurden.

Auf dem Hof vor dem Haus standen noch keine Autos, dort dampfte ein Misthaufen vor sich hin, Hühner und Gänse pickten im spärlichen Gras. Kirsch-, Apfel- und Birnenbäume trugen reichlich Obst, entlang des Zaunes gab es Brombeer-, Stachelbeer- und Himbeerbüsche, meine Vorfahren ernteten Rhabarber und Erdbeeren. Vom Rhabarber schnitt meine Urgroßmutter kleine Stückchen mit einem abgewetzten Messer ab, dass sie in einer Tasche der Arbeitsschürze ihrer Schaumburg-Lippischen Tracht trug. Meine kleine Schwester und ich durften den Rhabarber dann in ein Schälchen mit Zucker tauchen; er war dennoch so sauer, dass es einem die Wangen und den Kiefer zusammenzog.

Der Garten grenzte an eine etwa 50 Meter breite Wiese, die von einem Bauern aus Lüdersfeld gepachtet war und bearbeitet wurde. Im Sommer machte der dort Heu. Dahinter kam die Bahn.

Die Bahn war schon da, als mein Urgroßvater sein Haus baute. Die Bahnstrecke zwischen Hannover und Minden gibt es seit 1847; und weil das Fürstentum Schaumburg-Lippe sich an den Baukosten beteiligt hatte, gab es auch einen Halt in Bückeburg, der Hauptstadt – die Eisenbahn fuhr quasi durch unseren Garten.

Ich bin 1962 in Bückeburg geboren und in Helpsen aufgewachsen. Da war Schaumburg-Lippe kein Fürstentum mehr, sondern ein Landkreis in Niedersachsen. Nichtsdestotrotz gelte ich noch als Fürstenkind. Ich habe gesehen, wie die Strecke Anfang der 70er Jahre elektrifiziert wurde, und die Dampflokomotiven nicht mehr die Gegend vernebelten. Ich habe viele erstaunte Gesichter von Freunden gesehen, die mich besucht und mit mir im Garten gesessen haben, wenn ein Zug vorbeifuhr. Wir, die Familie in unserem Viergenerationen-Haus, haben dann einfach aufgehört zu sprechen und die 30 Sekunden oder eine Minute abgewartet, bis der Zug bis Hobbensen oder bis Südhorsten weitergefahren war, dann haben wir das Gespräch wieder aufgenommen. Für meine Freunde war das neu. Ich erinnere vor allem eine Frage: Wie hältst du das bloß aus?

Wie man das aushält? Es war halt so, das war nur Thema, wenn jemand kam, der dort nicht wohnte. Die Bahn ist laut, und wenn sie knapp 100 Meter von Deinem Haus entfernt vorbeifährt, dann wackeln Gläser im Schrank, und nachts zählst Du, wie viele Waggons des Kohlezugs von Duisburg nach Magdeburg über die eine verdammte, kaputte Schwelle hoppeln.

Warum ich Ihnen das erzähle? Zwischen Hannover und Minden und weiter bis Bielefeld sollen Züge in einigen Jahren auf einer neuen Eisenbahnstrecke fahren. Mehr Menschen als bisher sollen in einem Hochgeschwindigkeitszug unterwegs sein. Außerdem sollen mehr Güter transportiert werden und die Nahverkehrszüge öfter fahren können. Eine neue Eisenbahnstrecke sei auch ein Beitrag zum Klimaschutz, sagt das Bundesverkehrsministerium.

Ob diese Züge dann mit 230 oder 300 Stundenkilometern quasi noch immer durch den Garten meines Elternhauses fahren, ist ungewiss. Das Bundesverkehrsministerium und die Bahn lassen mehrere Varianten prüfen. Die Diskussion um diese Neubau- oder Ausbaustrecke beschäftigt mich. Also habe ich mich mit diesem Thema befasst und will Ihnen etwas dazu aufschreiben.

Über den möglichen Bau einer neuen Eisenbahntrasse zwischen Hannover und Minden habe ich rund um die Jahrtausendwende als Redakteur bei den Madsack-Heimatzeitungen häufig geschrieben. Mich beschäftigt, wie Lokale Medien ein solches Thema heute behandeln. Außerdem beschäftigt mich die Frage, warum eine Gesellschaft sich in kleine und kleinste Gruppen aufteilt, die ihre Interessen offenbar nicht richtig wahrgenommen sehen. Das Thema Eisenbahn in Schaumburg ist ein Beispiel dafür, wie viele Probleme diese Gesellschaft – also Sie und Ich und alle anderen – hat, angemessen zu diskutieren und sich zu verständigen.

Heute wohne ich in Schaumburg, also dem Ortsteil von Rinteln. Ich war Zeitungsredakteur – auch in Schaumburg – und bin seit 2014 wegen mehrerer Herzinfarkte Rentner.

Ich möchte Ihnen vorab gerne sagen, dass ich
• keiner lokalen Bürgerinitiative angehöre und das auch nicht vorhabe,
• für keine hier erscheinende Lokalzeitung schreibe und mir eher in den Fuß schießen würde und das auch nicht vorhabe.
• ich keine Formulierungen verwenden werde wie: Es ist der Knaller oder Kaum zu glauben, aber wahr.

Wissen sollten Sie auch, dass ich mir zwei- bis dreimal im Jahr ein Thema genauer anschaue – zum Beispiel habe ich zwischen August und Dezember über die Verbindungen zwischen Deutschland und Aserbaidschan, über Nebentätigkeiten von Bundestagsabgeordneten und den Einfluss von Lobbyisten auf demokratische Prozesse recherchiert und davor über Fußballer, die mehr als 500 mal als Profi gespielt haben. Dinge, die man als Rentner – zumal in Corona-Zeiten – halt so macht, um das Oberstübchen in Bewegung zu halten. Ich halte das für interessanter als nur alte Tatort-Folgen oder Inspektor Barnaby anzuschauen (vermutlich kenne ich mittlerweile auch alle).

Fortsetzung folgt

Autor: Markus Kater

Rentner, Jahrgang 1962, ehemaliger Zeitungs-Journalist, Soul-, Jazz und House-DJ, Schaumburger.

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